Reishi – Was die Studien wirklich zeigen

Reishi – Was die Studien wirklich zeigen

Der „Pilz der Unsterblichkeit"

Reishi (Ganoderma lucidum, im Chinesischen Lingzhi) ist ein glänzender, nierenförmiger Baumpilz, der auf absterbenden Laubbäumen wächst. Er ist holzig und bitter – als Speisepilz taugt er nicht. In der traditionellen chinesischen und japanischen Heilkunde wird er seit rund 2.000 Jahren verwendet; im Shennong Bencao Jing, einem der ältesten Kräuterbücher Chinas, steht er in der höchsten Kategorie.

Heute wird Reishi fast ausschließlich kultiviert und als Extrakt angeboten. Weltweit gehört er zu den meistuntersuchten Vitalpilzen: Es gibt Tausende Laborarbeiten – aber nur wenige Dutzend Studien am Menschen. Genau die schauen wir uns an.

Was im Pilz steckt

Zwei Stoffgruppen stehen im Zentrum der Forschung. Beta-Glucane sind langkettige Zuckermoleküle aus der Zellwand des Pilzes. Sie sind unverdaulich, werden aber von Immunzellen im Darm erkannt – deshalb gelten sie als Grund für die immunmodulierenden Effekte, die in Zell- und Tierversuchen beschrieben sind. Triterpene (bei Reishi vor allem Ganoderinsäuren) sind bitter schmeckende Verbindungen, die dem Pilz seinen Geschmack geben; im Labor zeigen sie entzündungs- und zellregulierende Wirkungen.

Wichtig für die Einordnung: Der Gehalt schwankt stark. Fruchtkörper, Myzel und Sporen enthalten unterschiedliche Mengen, und ein Wasserextrakt liefert vor allem Polysaccharide, ein Alkoholextrakt vor allem Triterpene. Studien mit „Reishi" sind deshalb oft nicht direkt vergleichbar – ein Grund, warum die Ergebnisse so uneinheitlich ausfallen.

Was Humanstudien zeigen

Die Gesamtschau: 17 Studien, 971 Teilnehmer, sehr niedrige Beweiskraft. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2025 fasste alle randomisierten Studien zu Reishi zusammen – mit Dosierungen von 200 bis 11.200 mg täglich über ein bis 24 Wochen (Jafari et al., 2025). Gefunden wurden kleine Effekte auf den Body-Mass-Index (minus 0,4 Punkte), die Herzfrequenz (minus 4 Schläge pro Minute) und das antioxidative Enzym Glutathionperoxidase. Keinen Effekt gab es auf Blutdruck, Blutzucker, Blutfette, Entzündungsmarker oder Leberwerte. Die Autoren stufen die Qualität der Evidenz als „sehr niedrig" ein – zu kleine Studien, zu unterschiedliche Präparate.

Müdigkeit und Wohlbefinden: die interessanteste Einzelstudie. 2005 untersuchte ein Team aus Neuseeland und China 132 Patienten mit Neurasthenie – ein älterer Begriff für anhaltende Erschöpfung und Reizbarkeit (Tang et al., 2005). Acht Wochen lang bekamen sie dreimal täglich 1.800 mg eines Reishi-Polysaccharid-Extrakts oder Placebo. Die Müdigkeit ging in der Reishi-Gruppe um 28 Prozent zurück, unter Placebo um 20 Prozent; der Schweregrad nach Arzteinschätzung sank um 15,5 gegenüber 4,9 Prozent. Der Unterschied war statistisch signifikant, aber die Studie ist 20 Jahre alt und wurde nicht wiederholt.

Immunmarker: messbar, aber nicht übersetzbar. Mehrere kleine Studien zeigen Veränderungen an Immunzellen, etwa beim Verhältnis von CD4- zu CD8-Zellen bei Sportlern oder bei der Aktivität natürlicher Killerzellen. Ein Cochrane-Review von 2016 wertete fünf Studien mit Reishi als Begleitung zur Krebstherapie aus (Jin et al., 2016) und fand Hinweise auf bessere Lebensqualität und Immunwerte – bei „niedriger bis sehr niedriger" Studienqualität. Ob veränderte Laborwerte etwas für gesunde Menschen bedeuten, bleibt offen.

Stoffwechsel: die beste Studie fand nichts. Die methodisch sauberste Einzelstudie – doppelblind, placebokontrolliert, 84 Teilnehmer mit metabolischem Syndrom, 16 Wochen, 3 g Reishi täglich – zeigte keinen Effekt auf Blutzucker, Blutfette oder Blutdruck (Klupp et al., 2016). Die Autoren merken an, dass frühere positive Ergebnisse ein hohes Verzerrungsrisiko hatten.

Was die Studienlage hergibt – und was nicht

Reishi ist ein Paradebeispiel für die Lücke zwischen Labor und Mensch. Im Reagenzglas und im Tierversuch ist die Liste der Effekte lang. Beim Menschen bleiben davon wenige, kleine und schlecht reproduzierte Signale übrig.

Was sich sagen lässt:

  • Reishi-Extrakte verändern messbar Immunmarker im Blut – in mehreren kleinen Studien konsistent.
  • Eine einzelne größere Studie zeigt weniger Erschöpfung nach acht Wochen; das Ergebnis wartet seit 2005 auf Bestätigung.
  • Die Einnahme über einige Monate gilt in den Studien als gut verträglich.

Was nicht belegt ist:

  • Ein Nutzen für Blutzucker, Blutfette oder Blutdruck – die beste Studie und die Meta-Analyse finden keinen.
  • Dass sich veränderte Laborwerte in weniger Infekten oder mehr Wohlbefinden bei Gesunden niederschlagen. Dazu gibt es keine Studie.
  • Eine wirksame Dosis. Die Spanne in den Studien reicht von 200 mg bis über 11 g täglich, und die Extrakte sind kaum vergleichbar.

Wer Reishi nimmt, tut das auf Basis von 2.000 Jahren Tradition und einer Handvoll vorsichtiger Humandaten – nicht auf Basis eines Wirknachweises. Das ist kein Argument dagegen, aber ein Argument für realistische Erwartungen.

Sicherheit: Was zu beachten ist

In den klinischen Studien wurde Reishi über Wochen bis Monate gut vertragen; berichtet wurden gelegentlich Übelkeit, Schlaflosigkeit oder Mundtrockenheit. Zwei Punkte verdienen dennoch Aufmerksamkeit.

Leber. Es gibt einzelne Fallberichte über Leberschäden nach längerer Einnahme von Reishi-Pulver oder -Extrakten, darunter ein tödlicher Verlauf aus Thailand (Wanmuang et al., 2007) und ein Fall nach einem Jahr Reishi-Kaffee (Tay et al., 2022). Das sind Einzelfälle unter Millionen Anwendern, aber wer bereits Leberprobleme hat oder leberbelastende Medikamente nimmt, sollte Rücksprache halten.

Gerinnung. Laborstudien zeigen, dass Reishi die Verklumpung von Blutplättchen hemmen kann. Eine placebokontrollierte Studie mit 40 gesunden Freiwilligen fand bei 1,5 g täglich über vier Wochen allerdings keine messbare Veränderung der Gerinnung (Kwok et al., 2005). Trotzdem gilt aus Vorsicht: Bei Einnahme von Blutverdünnern oder vor Operationen ärztlich abklären.

In der Schwangerschaft und Stillzeit fehlen Daten. Bei Autoimmunerkrankungen oder Immunsuppression ist wegen der immunmodulierenden Wirkung ebenfalls Rücksprache mit Arzt oder Apotheke sinnvoll.

Quellen

Studie

Design

Teilnehmer

Dosis / Dauer

Kernergebnis

Jafari et al., 2025

Meta-Analyse von 17 RCTs

971

200–11.200 mg, 1–24 Wochen

BMI −0,4, Herzfrequenz −4/min; kein Effekt auf Blutdruck, Zucker, Fette; Evidenz „sehr niedrig"

Tang et al., 2005

randomisiert, doppelblind, placebokontrolliert

132 (123 ausgewertet), Neurasthenie

3 × 1.800 mg Polysaccharid-Extrakt, 8 Wochen

Müdigkeit −28 % vs. −20 % Placebo; Schweregrad −15,5 % vs. −4,9 %

Klupp et al., 2016

randomisiert, doppelblind, placebokontrolliert

84, metabolisches Syndrom

3 g, 16 Wochen

kein Effekt auf Blutzucker, Blutfette, Blutdruck

Jin et al., 2016 (Cochrane)

Systematischer Review, 5 RCTs

Krebspatienten

verschiedene

bessere Lebensqualität und Immunwerte möglich; Studienqualität niedrig bis sehr niedrig

Kwok et al., 2005

randomisiert, doppelblind, placebokontrolliert

40 Gesunde

1,5 g, 4 Wochen

keine Veränderung der Blutgerinnung

Wanmuang et al., 2007

Fallbericht

1

Reishi-Pulver

fulminante Hepatitis

Tay et al., 2022

Fallbericht

1

Reishi-Kaffee, 1 Jahr

cholestatische Leberschädigung, reversibel

Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information über den Stand der Forschung und ersetzt keine ärztliche Beratung. Reishi-Extrakt ist eine Zutat in Nahrungsergänzungsmitteln und kein Arzneimittel; er ist nicht zur Behandlung von Krankheiten bestimmt. Für Reishi ist in der EU kein gesundheitsbezogener Claim zugelassen.